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Studie: Schlechtere Behandlungsqualität bei Psychiatriepatienten mit geringen Deutschkenntnissen PDF Drucken E-Mail
Montag, 07. September 2009 um 12:38 Uhr

 

DepressedmigrantDie Patientenzufriedenheit in der Behandlung von Depressionen hängt mit sprachlichen Verständigungsmöglichkeiten zusammen, berichtet die Fachzeitschrift „Psychiatrische Praxis“ in ihrer aktuellen Ausgabe.

Ein Forschungsteam um Dr. Isaac Bermejo von der Universität Freiburg hat Daten aus einer Studie zur externen Qualitätssicherung in 24 psychiatrischen Kliniken Baden-Württembergs ausgewertet. Eine frühere Analyse hatte ergeben, dass fremdsprachige Patienten weniger intensiv behandelt und früher entlassen wurden als deutsche Muttersprachler mit vergleichbarem Krankheitsbild, auch wenn die depressive Symptomatik nach wie vor vorhanden war. Dieser Zusammenhang war um so stärker ausgeprägt, je größer die Verständigungsprobleme waren. Diagnose und Behandlung von depressiven Erkrankungen sind auf sprachliche Verständigung angewiesen. Die Patientenzufriedenheit entscheidet mit über die Akzeptanz der Behandlung. Vor diesem Hintergrund wollten Bermejo u.a. nun erforschen, ob es einen Zusammenhang zwischen den Sprachkenntnissen und der Patientenzufriedenheit gibt. Im Fokus standen außer der gemessenen Zufriedenheit auch die Beurteilung der erfahrenen Behandlungsmaßnahmen und des Behandlungserfolges durch die Patienten.

Forschungsdesign

Aus der Gesamtstichprobe wurden drei Gruppen gebildet, die sich hinsichtlich Alter, Geschlecht, Bildung und Krankheitszustand ähneln. Mit dieser Methode wird der Einfluss der genannten Variablen kontrolliert, so dass ausschließlich der Einfluss der Sprachkenntnisse gemessen wird. Die erste Gruppe gab als einzige deutsch als Muttersprache an, die zweite Gruppe hatte gute und die dritte nur geringe Deutschkenntnisse. Die Gruppen umfassten je 67 Personen, insgesamt also 210 Patienten. Anhand eines standardisierten Fragebogens wurden die Studienteilnehmer zu Behandlungsbeginn und zur Entlassung befragt. Zusätzlich werteten die Forscher die von den Ärzten bzw. Psychologen ausgefüllten Dokumentationsbögen aus. Die Fragebögen enthielten eine bereits mehrfach getestete psychologische Skala zum Messen von Patientenzufriedenheit (ZUF-8) sowie ein eigenes Instrument zur Bewertung der verschiedenen Therapieangebote gegen Depressionen und des Behandlungsergebnisses.

Ergebnisse: Unzufriedenheit durch Verständigungsprobleme

Jeder vierte Patient mit geringen Deutschkenntnissen war mit der Behandlung insgesamt unzufrieden. Das ist viermal so viel wie bei den Muttersprachlern (6,5%) und 2 ½ mal so viel wie bei den Migranten mit guten Deutschkenntnissen (10,2%). Vor allem kritisierten die befragten Migranten, dass ihnen der angemessene Umgang mit ihrer Krankheit nicht ausreichend vermittelt wurde.

Eine differenzierte Betrachtung der Bewertung des psychiatrischen Angebots ergab signifikant höhere Unzufriedenheitswerte bei der Aufenthaltsdauer in der Klinik sowie bei der Beurteilung von Therapiegesprächen und Medikamenten. Rund ein Viertel der Migranten mit Deutsch-Defiziten bezeichnete diese als „nicht hilfreich“, während die beiden anderen Gruppen eine nahezu einhellig positive Bewertung abgaben.

Dieselbe Gruppe fiel auch hinsichtlich der stattgefundenen Behandlungsmaßnahmen auf: Im Vergleich zu den Patienten ohne Verständigungsprobleme war das tatsächlich wahrgenommene Angebot deutlich eingeschränkt. Nur beim Kontakt mit Sozialarbeitern und der Einbeziehung von Angehörigen konnten keine signifikanten Unterschiede festgestellt werden. So verwundert es nicht, dass die Gruppe mit geringen Deutschkenntnissen im Gegensatz zu den anderen beiden Gruppen den Kontakt mit dem Pflegepersonal und Mitpatienten als hilfreicher empfand als die eigentlichen Therapieangebote.

Auswirkungen auf den Behandlungserfolg

Das wichtigste Qualitätskriterium in der Psychiatrie ist zweifellos ein positives Behandlungsergebnis. In der Einschätzung der Behandler schneiden die Migranten deutlich schlechter ab als die Muttersprachler: Bei nur 11% der Muttersprachler schlug die Behandlung nicht oder nur minimal an. Dieser Anteil betrug 28,4% unter den Migranten mit guten Deutschkenntnissen und 32,8% in der Gruppe mit Deutsch-Defiziten. In der Selbsteinschätzung gab diese "Problemgruppe" häufiger als die beiden anderen Gruppen an, sich nur wenig besser zu fühlen als bei Klinikaufnahme, und zwar unabhängig vom ärztlich festgestellten Behandlungserfolg. Während also normalerweise ein Zusammenhang zwischen Behandlungserfolg und Patientenzufriedenheit besteht, wiesen die Forscher hier jedoch nach, dass Verständigungsprobleme die Zufriedenheit beeinträchtigen, selbst wenn die Behandler Erfolge festzustellen glauben.

Fazit: Konzepte zur Überwindung von Kommunikationsbarrieren gefragt

Die Studie konnte einen Zusammenhang zwischen sprachlichen Verständigungsmöglicheiten und der Patientenzufriedenheit (als Qualitätsmaß für die Akzeptanz der Behandlung) sowie der Bewertung des Behandlungsprozesses nachweisen. Für die Praxis bedeutet dies, dass die Effektivität der Behandlung von Depressionen von einer gelingenden Kommunikation abhängt. Die psychiatrische Behandlung von Migranten mit geringen Deutschkenntnissen muss Qualitätseinbußen hinnehmen, wenn es nicht gelingt, sprachliche Verständigungsprobleme zu überwinden. Die Forschungsgruppe um Isaac Bermejo bezweifelt, dass der Einsatz von Familienmitgliedern als Dolmetscher die Situation verbessern würde. Sie fordert Versorgungskonzepte in der Psychiatrie, welche „sprachliche, migrationsbezogene und kulturelle Faktoren bei der Behandlung depressiver Patienten berücksichtigen.“

Quelle: Isaac Bermejo; Matthias Berger; Levente Kriston; Martin Härter (2009): Ist Patientenzufriedenheit in der stationären Depressionsbehandlung von der Qualität sprachlicher Deutschkenntnisse abhängig? In: Psychiatrische Praxis 36: 279-285.

 

 

 
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