| Forschungsarbeiten zu interkulturellem Dolmetschen: Ein Überblick |
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| Donnerstag, 29. April 2010 um 14:45 Uhr |
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Einen ganzen Abschnitt widmet der Review dem Thema „Interkulturelles Übersetzen“ - in der Schweiz bedeutet „Übersetzen“ auch mündliches Dolmetschen. Diesen Auszug aus der Beschreibung des Forschungsstandes im Nachbarland und darüber hinaus geben wir hier mit freundlicher Genehmigung der Autoren im Wortlaut wieder. Den kompletten Text finden Sie zum Download auf der Homepage des Bundesamts für Gesundheit (externer Link). Quelle: Chantal Wyssmüller und Bülent Kaya (2009): Migration & Gesundheit. Übersicht über ausgewählte Fachliteratur 2006-2008. Im Auftrag des Bundesamt für Gesundheit, Nationales Programm Migration & Gesundheit. Neuchatel: SFM, S. 29-32. Forschungsstand in der SchweizMehrere gesichtete Studien behandeln das Thema Dolmetschen im Gesundheitswesen im Schweizer Kontext. Ein rechtliches Gutachten untersuchte bestehende Rechtsnormen in der Schweiz, auf welche sich Ansprüche auf interkulturelle Übersetzung im Gesundheitsbereich abstützen lassen, sowie die Frage der Kostentragung für solche Übersetzungsleistungen (Achermann und Künzli 2008). Die Analyse des Verfassungsrechts und des die Schweiz bindenden Völkerrechts zeigt auf, dass der Staat verpflichtet ist sicherzustellen, dass in den öffentlichen Spitälern nicht Sprachbarrieren die Aufklärung von Patienten und das Einholen ihrer Einwilligung zu medizinischen Eingriffen verunmöglichen. Diese Verpflichtung gilt bei fremdsprachigen Patienten unabhängig von Aufenthaltsrecht oder ausländerrechtlichem Status.
Auch die Kantone regeln ausführlich das Recht von Patientinnen und Patienten auf vollständige, angemessene und verständliche Aufklärung und die Verpflichtung der Gesundheitsfachpersonen, vor einem Eingriff aufgrund der hinreichenden Aufklärung die Einwilligung der zu Behandelnden einzuholen. Die kantonale Gesetzgebung enthält zwar keine Regelungen für den Beizug einer Übersetzerin oder eines Übersetzers bei fremdsprachigen Patienten, eine entsprechende Verpflichtung ergibt sich aber aus der Anforderung an die genügende Aufklärung selbst. Je schwerwiegender dabei der bevorstehende Eingriff ist, desto höhere Anforderungen sind an die Qualität der Übersetzung zu stellen. Bei folgenreichen Eingriffen oder im Fall, dass mehrere Behandlungsoptionen offen stehen, muss eine hochqualifizierte Übersetzerin bzw. ein Übersetzer beigezogen werden, wenn die behandelnde Person nicht selbst Kenntnisse in der Sprache des Patienten hat. Aufgrund von professionellen Anforderungen, aber auch angesichts der Regelungen bezüglich des medizinischen Berufsgeheimnisses ist laut dem Gutachten davon Abstand zu nehmen, Spitalpersonal ohne entsprechende Ausbildung und ohne geregelte Berufspflichten beizuziehen. Bezüglich Kostentragung und Finanzierung hält der Bericht fest, dass die Kosten heute entweder von der öffentlichen Hand, z.B. den Spitälern, oder den Patientinnen und Patienten selber zu tragen sind, da aufgrund der geltenden Rechtslage eine Übernahme von Dolmetscherkosten durch die Krankenpflegeversicherung nicht möglich und eine Revision dieser Regelung kurzfristig kaum zu erreichen ist. Die Autoren des Gutachtens empfehlen angesichts dieser unbefriedigenden Situation, andere Optionen zu prüfen (Mitfinanzierung von Vermittlungsstellen für interkulturelle DolmetscherInnen durch die öffentliche Hand, explizite Regelung der Übersetzungsfrage auf Ebene der Kantone, Suche nach weiteren Finanzierungsmodellen). Einsatz von Profi-DolmetscherInnen verbessert Behandlungsqualität am deutlichsten
Bischoff/Steinauer (2007) gehen auf die Fragen nach den klinischen Folgen von Sprachbarrieren und den Möglichkeiten zur Überwindung derselben ein. Aus vorliegenden Studien gehe klar hervor, so die AutorInnen, dass fremdsprachige Patienten aufgrund ungenügenden Informationsflusses tendenziell eine der Situation unangemessene Behandlung erhalten. Ebenso bestehe in der Literatur Konsens darüber, dass Angehörige als Ad-hoc Dolmetscher sowie ungeschulte, mehrsprachige Mitarbeitende wenig- oder ungeeignet sind. Dagegen sei der Einsatz professioneller DolmetscherInnen diejenige Strategie, die am eindeutigsten zur verbesserten Behandlungsqualität von fremdsprachigen Patienten führe. Da sich im Klinikalltag aber ein konsequentes Hinzuziehen von professionellen Dolmetscherinnen nicht immer umsetzen lasse, stelle das Einrichten einer klinikinternen Liste mit geschulten, mehrsprachigen Mitarbeitenden in definierten Situationen eine akzeptable Alternative dar. Bischoff et al. (2008a) untersuchten am Beispiel der Universitäts-Frauenklinik Basel, wann im Alltag überhaupt ein/e DolmetscherIn beigezogen wird, und wie sich der „Trialog“ zwischen medizinischen Fachpersonen, Dolmetschenden und PatientInnen konkret gestaltet. Es zeigte sich, dass Gesundheitspersonal häufig mit DolmetscherInnen konfrontiert wird, ohne eine entsprechende Vorbereitung auf diese Zusammenarbeit erhalten zu haben. Zudem erfolge die Zusammenarbeit mit DolmetscherInnen meist nach einem pragmatischen und konzeptionell noch wenig ausgebildeten Ansatz. Die AutorInnen empfehlen zum einen, dass das Wissen um die Kriterien einer/eines “guten Dolmetschenden” in Weiterbildungsveranstaltungen für das medizinische Fachpersonal behandelt wird. Dort könnten die Fachpersonen auch dafür sensibilisiert werden, wann der Beizug von interkulturellen Vermittlerinnen indiziert ist, auch unabhängig von Sprachproblemen. Zum anderen müsse an der Konzeptionalisierung der Zusammenarbeit im “Dialog zu Dritt” weitergearbeitet werden, z.B. indem Weiterbildungen angeboten würden, wo Dolmetschende und medizinische Fachpersonen gemeinsam Dolmetsch-Situationen und DolmetscherInnen-Rollen besprechen. Solche Weiterbildungsveranstaltungen sollten auch einen reflexiven Umgang mit dem Begriff “Kultur” beinhalten. Trialog statt Dialog
Auch ein Team der Westschweizer Fachhochschule untersuchte die Interaktion zu Dritt in Dolmetschsituationen im Gesundheitswesen, und zwar aus soziolinguistischer und sozialanthropologischer Perspektive (Humair und D'Onofrio 2008). Die Studie empfiehlt u.a., dass öffentliche Institutionen den Umfang und die Art ihrer Arbeit mit Dolmetschenden systematisch dokumentieren und evaluieren. Gender-Aspekte im Rahmen von medizinischen Konsultationen unter Beizug oder nicht einer/eines Dolmetschenden untersuchten Bischoff et al. (2008b) in einer quantitativen Studie. Sie beobachten, dass bei Konsultationen mit DolmetscherIn die Qualität der Interaktion nicht leidet, wenn ÄrztIn und PatientIn unterschiedlichen Geschlechts sind, in Konsultationen ohne Dolmetschende hingegen war die Geschlechter-Diskordanz mit einer niedrigeren Kommunikationsqualität assoziiert. Bischoff/Dahinden (2008) schliesslich untersuchten anhand von Fallstudien in öffentlichen Institutionen des Gesundheits-, Sozial-, Bildungs- und Rechtswesens den Einsatz von professionellen Dolmetschenden und interkultureller Mediation und kamen zum Schluss, dass in ca. der Hälfte der untersuchten Institutionen in erster Linie professionelle Dolmetschende zum Einsatz kommen, auch wenn Übersetzen durch unqualifizierte Personen ebenfalls häufig vorkommt. Interkulturelle oder Konfliktmediation wird demgegenüber selten eingesetzt, obwohl dieses Mittel gemäss den AutorInnen geeignet wäre, um die Chancengerechtigkeit für eine diverse Bevölkerung beim Zugang zu öffentlichen Institutionen zu verbessern. Internationale StudienÜbersetzungssituationen im medizinischen Kontext stossen auch auf internationaler Ebene auf Interesse. Robb/Greenhalgh (2006) etwa untersuchten die Bedeutung, die verschiedenen Arten von Vertrauensbeziehungen dabei zukommt (voluntary, coercive, hegemonic trust). Entscheidend für die Qualität und Effizienz der Kommunikation mittels Übersetzung sei das Vorhandensein von voluntary trust, Vertrauen, das auf einer positiven interpersonalen Beziehung aufbaue. Dies müsse im Hinblick auf die Konzeptualisierung und Finanzierung von Übersetzungsdiensten sowie auf die Aus- und Weiterbildung von medizinischem, Übersetzungs- und Verwaltungspersonal berücksichtigt werden. Auf die Notwendigkeit des systematischen Einsatzes professioneller Dolmetschender verweisen ebenfalls zahlreiche Publikationen (etwa David et al. 2007; Feldman 2006; Haasen et al. 2007; Koopmans und Foets 2007; Schouler-Ocak 2007). Wirksamkeit professioneller DolmetscherInnen nachgewiesen
Eine Literaturreview bezüglich des Nutzens, den der Einsatz von Übersetzenden in medizinischen Konsultationen mit sich bringt (Muela Ribera et al. 2008), zeigt, dass der Einsatz von professionellen Dolmetschenden oder zweisprachigen Fachpersonen einerseits die Qualität der Versorgung und die PatientInnenzufriedenheit verbessert und somit bestehende Versorgungsungerechtigkeiten vermindert. Andererseits spricht laut der gesichteten Fachliteratur auch Vieles dafür, dass der Einsatz von professionellen Dolmetschenden es erlaubt, beträchtliche Kosten zu sparen. zitierte LiteraturAchermann, Alberto und Jörg Künzli (2008). Übersetzen im Gesundheitsbereich: Ansprüche und Kostentragung, Gutachten zuhanden des Bundesamts für Gesundheit, Direktionsbereich Gesundheitspolitik, Fachbereich Migration und Gesundheit. Bern. Bischoff, A. und J. Dahinden (2008). "Dolmetschen, Vermitteln und Schlichten im vielsprachigen Basel : Umgang mit Diversität und Fremdsprachigkeit – Umfrage unter Leitungspersonen öffentlicher Institutionen." Journal of Intercultural Communication, 16 (2): 1-20. Bischoff, A. et al. (2008a). "Der Dialog zu Dritt: PatientInnen, DolmetscherInnen und Gesundheitsfachleute in der Universitäts-Frauenklinik Basel." Curare. Zeitschrift für Medizinethnologie, 31(2+3): 163-175. (2008b). "Doctor - Patient Gender Concordance and Patient Satisfaction in Interpreter-Mediated Consultations: An Exploratory Study." Journal of Travel Medicine, 15(1): 1-5. Bischoff, A. und R. Steinauer (2007). "Pflegende Dolmetschende? Dolmetschende Pflegende? Literaturanalyse." Pflege, 20: 343-351. David, M., FCK Chen und T. Borde (2007). "Schweres Schwangerschaftserbrechen bei Migrantinnen - eine Folge psychischer Belastungen im Zuwanderungsprozess?", in Borde, T. und M. David (Hg.), Migration und psychische Gesundheit. Belastungen und Potentiale. Frankfurt a.M.: Mabuse-Verlag, S. 95-103. Feldman, R. (2006). "Primary health care for refugees and asylum seekers: A review of the literature and a framework for services." Public Health, 120(9): 809-816. Haasen, C. et al. (2007). "Suchtstörungen bei Migrantinnen und Migranten - ein relevantes Problem?", in Borde, Theda und Matthias David (Hg.), Migration und psychische Gesundheit: Belastungen und Potentiale. Frankfurt a.M.: Mabuse-Verlag, S. 69-82. Humair, M. und A. D'Onofrio (2008). L’interprétariat dans le nord et l’est de la Romandie: analyse des interactions dans les institutions de la santé, du social et de l’éducation Rapport de recherche non publié, HESARC, Neuchâtel. Koopmans, G. und M. Foets (2007). "Migrants use of mental health care: a population based study." European Journal of Public Health, 17, Suppl. 2: 111-111. Muela Ribera, Joan et al. (2008). Is the use of interpreters in medical consultations justified? A critical review of the literature, PASS International Robb, N. und T. Greenhalgh (2006). "You have to cover up the words of the doctor: The mediation of trust in interpreted consultations in primary care." Journal of Health, Organisation and Management, 20(5): 434-455. Schouler Ocak, M. (2007). "Sind Migrantinnen und Migranten anders depressiv?", in Borde, T. und M. David (Hg.), Migration und psychische Gesundheit. Frankfurt a.M.: Mabuse-Verlag, S. 83-94. |




Chantal Wyssmüller und Bülent Kaya vom „Swiss Forum for Migration and Population Studies“ der Universität Neuchatel erstellten im Auftrag des eidgenössischen Bundesamtes für Gesundheit eine Übersicht über aktuelle wissenschaftliche Publikationen zum Thema Migration und Gesundheit. Der systematische Literatur-Review basiert auf einer breit angelegten Recherche einschlägiger Datenbanken. Eine Stichwortsuche in den Jahrgängen 2006-2008 ergab 2.200 Treffer, aus denen die Forscher die 112 für die Analyse bedeutsamsten Titel auswählten.